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13. September 2009, NZZ am Sonntag

Lieber tot als eingesperrt in Marseille

Der französische Präsident stoppt die überfällige Reform des Strafvollzugs

In Frankreichs Gefängnissen herrschen skandalöse Zustände, die sich nicht so schnell bessern werden. Am schlimmsten ist es in Les Baumettes, Marseille.
Axel Veiel, Marseille


Die Mauer ist so hoch wie ein Haus, errichtet aus Naturstein, Sandsteinblöcken und Zement, und so lang, dass man sie nach zehn Minuten Fussmarsch noch immer nicht abgeschritten hat. Von oben glotzen ins Mauerwerk eingelassene Monster herunter. Der Bildhauer Antoine Sartorio hat sie erschaffen. Jedes symbolisiert eine der sieben Todsünden: Habgier, Neid, Völlerei, Hochmut, Jähzorn, Wollust und Trägheit.

Verstörender ist, was hinter der Mauer passiert. Das Leben dort soll die Hölle sein. Pierre Lavabre, der Präsident des Quartiervereins von Les Baumettes, beschreibt es als «ein Leben in einer anderen Welt, einer schlimmen, in der sich alle drei, vier Monate jemand umbringt». Der 60-Jährige steht in Hemd und Bermudashorts unter dem Monster der Völlerei und stopft Kartons in einen Container für Altpapier. «Wir Bürger von Les Baumettes blenden das aus, wir verdrängen es, so gut das eben geht», sagt Lavabre.

Die Hölle hinter der Mauer ist die 1936 eröffnete Strafvollzugsanstalt Les Baumettes. Und tatsächlich haben sich dort seit Anfang des Jahres schon drei Männer im Alter von 38, 24 und 37 Jahre mit einem Leintuch erhängt. Les Baumettes gilt als schlimmstes Gefängnis des Landes. Aber die Zustände in Frankreichs andern Anstalten sind nicht viel besser. «Skandalös» und «eine Schande» hat Staatschef Nicolas Sarkozy sie genannt.

In den für 1373 Insassen konzipierten Zellen von Les Baumettes drängen sich zurzeit rund 2000 Häftlinge. Der ehemalige Menschenrechtskommissar des Europarats Alvaro Gil-Robles, der das Gefängnis inspiziert hat, sprach von Ekel und Abscheu, die er dort empfunden habe. Ausser vielleicht in der Moldau habe er so etwas Schlimmes noch nicht erlebt, sagte Gil-Robles. Selbst mit Milliardeninvestitionen liessen sich seiner Meinung nach in Les Baumettes kaum menschenwürdige Verhältnisse schaffen.

Das Elend aus den Zellen von Les Baumettes dringt allerdings kaum nach draussen. Auf der anderen Seite der Mauer scheint die Welt in Ordnung. Kleine Häuser mit zinnoberroten Ziegeldächern und ockerfarbenen Fassaden ziehen sich einen Hügel hinauf. Kinder tollen durch Vorgärten, springen in Planschbecken. Hier hat sich der gehobene Mittelstand niedergelassen, Leute wie Pierre Lavabre, ein pensionierter Ingenieur.

Der Gefängnisarzt von Les Baumettes, Marangone Hai-Duong, wird tagtäglich mit den Missständen konfrontiert. Da sei zunächst die Enge, erzählt der 32-Jährige. Er komme sich bei der Arbeit vor wie in der Métro, überall Halbdunkel, überall Gedränge. In einer für zwei Insassen konzipierten Zelle von neun Quadratmetern hausten drei, manchmal sogar vier Häftlinge.

Hinzu kommt laut Hai-Duong die Gewalt. Auf jeder Etage führe der Stärkste ein grausames Regiment, treibe Geld ein, manchmal im Bund mit bestechlichen Wärtern. Wer sich nicht füge, gar beschwere, werde zusammengeschlagen, vergewaltigt. Geld sei hinter den Gefängnismauern wichtiger als davor; für Geld bekomme man alles, Drogen, Alkohol, Fernseher, Handys. Die Aufseher schritten selten ein, beschränkten sich auf das im Arbeitsvertrag ausgewiesene Minimum, das Auf- und das Einschliessen vor allem. «Du wirst zusammengeschlagen, du schreist, klopfst, brüllst und merkst, keiner hört dich, keiner hilft dir», zitiert der Arzt einen seiner Patienten. Und die Selbstmorde? Sie seien oft «dem Schock beim Eintritt geschuldet», sagt Hai-Duong.

Eine Zeitlang sah es aus, als sei Abhilfe in Sicht. Präsident Nicolas Sarkozy zeigte sich entschlossen, die überfüllten Zellen zu leeren. Elektronische Fussfesseln, vorzeitige Entlassung, Straferlass – alles schien dem Staatschef besser, als die menschenunwürdigen Zustände im Strafvollzug einfach hinzunehmen.

Aber wie soll er, der sich seinen Landsleuten damals als Innenminister jahrelang als Garant der inneren Sicherheit empfohlen hat, auf einmal Milde walten lassen? Zum Zeichen seiner Festigkeit gegenüber dem Verbrechen hatte der Präsident schliesslich auch Mindeststrafen für Rückfalltäter eingeführt und das Jugendstrafrecht verschärft. Die Urteile mit Freiheitsentzug häuften sich, der Stau vor den Gefängnissen wurde länger. 82 000 Verurteilte warten derzeit auf den Antritt ihrer Freiheitsstrafe.

Dem Präsidenten selbst scheinen inzwischen allerdings Zweifel gekommen zu sein, ob eine teilweise Öffnung der Gefängnistore das richtige Signal sei. Anfang September jedenfalls hiess es plötzlich: Übungsabbruch. Anders als vorgesehen sollen die zu weniger als zwei Jahren Strafe verurteilten Täter nun doch nicht in den Genuss von Hafterleichterungen kommen. Und selbst wenn elektronische Fussfesseln, vorzeitige Entlassungen und Straferlasse dennoch grosszügig eingesetzt werden sollten – angesichts der Überbelegung und der langen Wartelisten ist dem Problem auf Jahre hinaus kaum beizukommen.




www.nzz.ch/nachrichten/international/lieber_tot_als_eingesperrt_in_marseille_1.3549840.html
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